Anaïs Nin

Warum ich sie immer wieder lese

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Anaïs Nin zum ersten Mal gelesen habe. Aber ich erinnere mich an das Gefühl. Es war, als würde jemand Worte für etwas finden, das in mir längst existierte – flüchtig, formlos, verborgen. Ihre Sätze hatten nichts Rechthaberisches. Sie waren wie ein Blick aus einem beschlagenen Fenster: zart, verstörend, wahr.

Anaïs Nin schreibt nicht, um zu erklären. Sie schreibt, um zu durchdringen. Sich selbst, ihre Zeit, ihre Träume, ihre Begierden. Als junge Frau, die selbst schreibt, zweifelt, begehrt, war ich elektrisiert von dieser Offenheit – und gleichzeitig irritiert. Weil sie etwas wagte, das mir damals unmöglich schien: Sie stellte ihr Innenleben kompromisslos ins Zentrum. Nicht aus Narzissmus, sondern aus Notwendigkeit.

Ich hatte so oft Texte gelesen, in denen Frauen entweder bewundert oder gebrochen werden. Nin aber schrieb sich selbst – nicht als Figur, sondern als Fragment. Sie dokumentierte ihre Widersprüche, ihre Verstrickungen, ihr Begehren. Und sie tat das mit einer Sprache, die weich war und kühn zugleich. Ihre Sätze umkreisten nicht nur das, was sie dachte. Sie waren das, was sie fühlte.

Was mich besonders berührt, ist ihre Fähigkeit, Intimität als literarische Form zu begreifen. Nicht die erotische Pose interessiert sie, sondern die Bewegung der Seele unter der Haut. Ihre Erotik ist nicht gemacht für den Blick von außen, sondern entsteht aus dem Blick nach innen. Wenn sie schreibt, wie eine Geste, ein Wort, ein Blick alles verändert – dann spüre ich: Das ist keine Pose. Das ist eine Erinnerung an etwas, das ich selbst erlebt habe. Oder erleben möchte.

Für mich ist Anaïs Nin keine literarische Heldin im klassischen Sinn. Sie ist keine Ikone, die über mir schwebt. Eher eine Begleiterin, eine Spiegelnde, eine, die mit mir durch die Zwischenräume geht. Sie zeigt mir, dass es möglich ist, sich selbst zu erzählen – ohne sich festzuschreiben. Dass das Ich in Bewegung bleiben darf. Dass Schreiben ein Raum sein kann, in dem sich Identität nicht fixiert, sondern entfaltet.

Ich lese ihre Tagebücher wie Briefe an eine andere Version von mir. Manchmal widerspreche ich ihr. Manchmal verliere ich mich in ihrer Welt. Aber immer wieder spüre ich diese Verbindung: eine Frau, die sich schreibend erforscht. Die keine Angst hat, zu viel zu sein. Zu weich. Zu sinnlich. Zu zerrissen.

In einer Welt, die verlangt, dass wir uns klar positionieren, stark sind, effizient, durchsetzungsfähig – bietet Anaïs Nin etwas ganz anderes an: die Erlaubnis zur Zartheit. Zum Zweifel. Zum Begehren ohne Entschuldigung. Sie lebt vor, was es heißt, weibliche Subjektivität ernst zu nehmen – nicht als Konzept, sondern als gelebte Praxis.

Und vielleicht ist das der Grund, warum ich sie immer wieder lese. Weil sie mich daran erinnert, dass Schreiben ein Ort sein kann, an dem ich mich nicht verteidigen muss. Sondern einfach nur sein darf. Vielschichtig. Unfertig. Wahr.

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