Zwischen Eros und Exegese

Wenn Susan Sontag Anaïs Nin das Licht löscht

Es gibt Nächte, in denen man Susan Sontag nicht erträgt.

Wenn ihr scharfer Intellekt wie ein kaltes Skalpell durch die Wärme der eigenen Sehnsucht schneidet. Wenn jede Metapher entkleidet, jeder Stil entmachtet wird. Und doch: Wer die Liebe zur Literatur ernst meint, kehrt immer wieder zu ihr zurück. Denn Sontag schreibt nicht gegen das Gefühl – sie schreibt gegen dessen Verflachung. Auch wenn sie dabei Anaïs Nin im Vorbeigehen das Licht auspustet.

„Ich habe Anaïs Nin nie gelesen. Ich konnte nie mehr als ein paar Seiten am Stück ertragen.“
(zugeschrieben, sinngemäß überliefert)

Ein Satz wie ein Beil. Und man ahnt: Diese beiden Frauen hätten sich auf keiner Party lange nebeneinander gehalten. Nin mit ihren fließenden Kleidern, ihrer Auflösung in der eigenen Imaginationslust. Sontag in Schwarz, mit der Hand an der Zigarette, immer auf der Suche nach dem, was hinter dem Schein liegt – aber nie sentimental genug, ihn einfach zu genießen.

Und doch – oder gerade deshalb – gehören sie zusammen.

Denn wo Nin uns in den Spiegel eines begehrenden Selbst blicken lässt, zwingt uns Sontag, den Rahmen zu analysieren. Nin umarmt die Subjektivität, Sontag durchleuchtet sie. Die eine flüstert: Spür dich, die andere fragt: Warum spürst du gerade das – und was sagt das über deine Kultur?

In Sontags Essay »Against Interpretation« klingt es fast wie eine Kampfansage: Kunst, die gedeutet werden will, verliert an Leben. Kunst soll geschaut, gespürt, erfahren werden. Und doch ist sie selbst stets Interpretin – und durchdringt mit kühlem Blick auch das Erotische. Wenn sie über die Fotografie nackter Körper schreibt, tut sie das ohne Erregung, aber mit fieberhafter Konzentration. Die Lust liegt im Sehen selbst, nicht im Objekt.

Anaïs Nin hingegen verzeiht uns unsere Schwäche. Unsere Übertreibungen, unsere Widersprüche. Sie ist eine Chronistin des inneren Taumels. Ihre Sprache gleitet, flackert, verliert sich – und wird gerade darin zur Form von Wahrheit. Während Sontag Distanz schafft, rückt Nin uns gefährlich nah. Für manche zu nah.

Aber das Leben ist nicht linear. Es gibt Zeiten für beide.
Zeiten, in denen man denkt wie Sontag – und Zeiten, in denen man fühlt wie Nin.
Zeiten, in denen das Denken der Haut zu fern scheint – und Zeiten, in denen das Fühlen sich selbst nicht mehr traut.

Vielleicht ist es ein Liebesverhältnis zwischen beiden, das nie stattgefunden hat, aber im Leser weiterlebt.
Ein Dialog ohne Versöhnung, aber mit wechselseitiger Notwendigkeit.

Denn so wie der Tag die Nacht braucht, braucht auch die literarische Sinnlichkeit den Schatten des Verstands und umgekehrt.

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