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Man musste nur lange genug dableiben

Ein LiterAmour-Essay über Julia Schoch, Marguerite Duras — und mich


Manche Bücher stellen Fragen, die man lieber nicht gehört hätte. Nicht weil sie falsch sind. Sondern weil sie so genau treffen, dass man sich selbst plötzlich wie eine Figur auf der eigenen Lesecouch vorkommt.

In meinem Exemplar von Der Liebhaber steckt als Lesezeichen ein Hotelkärtchen. Zimmernummer 620. Ich erinnere mich nicht mehr, wer dort auf mich gewartet hat. Oder ob ich auf jemanden gewartet habe. Vielleicht war ich auch nur auf der Durchreise — im doppelten Sinne. Duras würde sagen: Das Vergessen schützt uns. Schoch würde sagen: Im Verschweigen erzählt sich das Leben. Vielleicht haben beide recht. Vielleicht legen sie nur zwei unterschiedliche Spuren durch denselben dunklen Raum.


Die Frau, die bleibt — und sich innerlich verabschiedet

Als ich Das Liebespaar des Jahrhunderts aufgeschlagen habe, hatte ich sofort das Gefühl: Diese Frau kenne ich. Nicht persönlich. Aber von innen. Eine Erzählerin, die ihre eigene Ehe wie eine Ausgrabungsstätte betritt, mit dem Satz: Im Grunde ist es ganz einfach: Ich verlasse dich. Sie sagt ihn, denkt ihn, probiert ihn an — und bleibt. Dreißig Jahre lang.

Der Mann an ihrer Seite ist ein bisschen zu ungreifbar, ein bisschen zu kühl. Er entzieht sich gerade so weit, dass er niemals wirklich verlassen werden muss, weil er innerlich immer schon halb weg ist. Die Erzählerin spielt die Trennung so oft im Kopf durch, dass sie irgendwann vertraut wird, fast tröstlich. Der mögliche Abschied wird zur inneren Versicherung: Ich könnte jederzeit gehen. Ich tue es nur gerade nicht.

»Im Verschweigen, im verzweifelten Verschweigen erzählt sich das Leben.« (S. 39)

Das ist der Satz, an dem ich hängen geblieben bin. Er bildet die unsichtbare Architektur dieses Bleibens: Man teilt Alltag, Bett, Konto, vielleicht Kinder — aber die wirklich gefährlichen Sätze sagt man nicht laut. Man verschiebt sie ins Innere, wo sie wie eine stille Reserve liegen. Man kann sich im Notfall auf sie zurückziehen: Ich hätte gehen können.

»Ich habe versucht, dich zu ergründen. Gleichzeitig versuchte ich es nicht.« (S. 28)

Ja. So ist das. Man will wissen — und schützt sich gleichzeitig davor. Weil zu genaues Hinschauen bedeuten würde: wirklich ankommen. Wirklich da sein. Ohne Hintertür.

Vielleicht stimmt es ja wirklich: Man musste nur lange genug dableiben. In Schochs Roman ist das kein zynischer Satz. Es ist die Möglichkeit, dass im Dableiben etwas entsteht, das über das glatte Glück hinausgeht: ein Wissen, wie Liebe aussieht, wenn der Glanz abfällt. Und gleichzeitig bleibt ein Rest Bitterkeit. Ist etwas überhaupt gescheitert, wenn es so lange dauert? Was ist das für ein Sieg, den man nur in der Vergangenheitsform denken kann?

Ich werde nicht verraten, wohin dieser Satz im Roman führt. Das muss jede Leserin selbst herausfinden.


Das Mädchen, das geht — und nie fertig wird

Und dann ist da Duras. Das Mädchen auf der Fähre über den Mekong. Sechzehn Jahre alt, ein abgetragener Männerhut, ein Kleid, das zu arm ist für den Schmuck, den ihr Liebhaber ihr später schenken wird, und ein Blick, der schon alles weiß und doch nichts ahnt.

Sie lässt sich lieben — und bleibt gleichzeitig Zeugin. Immer. Sie steht neben sich, beobachtet sich im Auto des reichen Chinesen, in seinem Zimmer, in den Blicken der anderen. Es ist, als würde sie die spätere Schriftstellerin schon in sich tragen: eine, die nie ganz im Moment ist, sondern immer schon in der Erzählung darüber.

Am Ende verlässt sie ihn. Ohne großes Drama, ohne Rückblick. Das Mädchen geht, weil sein Leben anders vorgesehen ist: ein fremdes Internat, ein anderes Land, eine andere Klasse. Aber unter dieser biografischen Notwendigkeit liegt etwas Härteres — eine tiefe Intuition, dass völlige Hingabe gefährlich ist. Wer sich vollständig ausliefert, verliert sich. Duras wird später ihr ganzes Werk daran entlang erzählen: an Frauen, die verschwinden, weil sie sich zu sehr lieben, und an Frauen, die verschwinden, weil sie gehen.

Jahre später — Jahrzehnte — ruft er an. Er ist verheiratet, sie ist Schriftstellerin. Er sagt, dass er sie immer noch liebt. Immer noch. Und plötzlich bricht etwas auf: War die damalige Distanz Schutz oder Verlust? Hat das Gehen sie gerettet — oder hat es nur eine Art Lebensschuld geschaffen, die sich in Buchstaben abarbeitet, aber nie ganz begleicht?

Duras war in meinen Augen nie wirklich gut im Gehen. Sie war nur radikal darin, die Konsequenzen zu tragen. Sie hat sich immer gewählt — den Text, die Arbeit, das Alleinsein, die Sucht, später Yann Andréa. Sie hat Männer verlassen, Orte verlassen, sich selbst neu erfunden. Aber sie hat nichts davon hinter sich gelassen. Das Verlassen hat sie nicht gerettet. Es hat sie geformt. Und Formen können eng werden.


Ich: Zwei Türen, die ins Freie führen — und doch nicht

Zwei Ehen. Zwei Entscheidungen zu gehen. Beide Male habe ich mich gewählt — jedenfalls erzähle ich es mir so. Beide Male bin ich mit der Entscheidung im Reinen. Wirklich. Oder: meistens.

Schochs Satz hat mich erwischt: Man musste nur lange genug dableiben. Nicht, weil ich denke, ich hätte bleiben sollen. Sondern weil er eine Frage aufmacht, die ich vorher erfolgreich umgangen habe: Was wäre aus mir geworden, wenn ich geblieben wäre? Nicht aus uns, nicht aus der Ehe — sondern aus mir.

Ich habe das Gehen lange als Akt der Selbstrettung erzählt. Zu bleiben wäre Feigheit gewesen, Anpassung, Selbstverrat. Gehen war Mut. Ein Sprung ins eigene Leben. Aber was, wenn auch das Bleiben eine Form von Mut sein kann? Die Entscheidung, den Schatten an der Wand nicht als Zeichen zum Aufbruch zu lesen, sondern als etwas, das da ist und bleiben darf.

Der Preis, wenn man geht, ist nicht nur der Verlust der anderen Person. Es ist auch der Verlust der Version von sich selbst, die im Bleiben möglich gewesen wäre. Diese Version kennt man nie. Man trägt nur die Umrisse mit sich herum — wie das Hotelkärtchen in Der Liebhaber: eine Zimmernummer, ein Name, ein Datum. Die eigentliche Geschichte bleibt im Blindfleck.


Gehen und Bleiben: Zwei Arten, dieselbe Angst zu verhandeln

Je länger ich über Schoch und Duras nachdenke, desto weniger erscheint mir Gehen und Bleiben als Gegensatz. Eher wie zwei Strategien, mit derselben Angst umzugehen — der Angst, dass Nähe uns auslöscht.

Schochs Protagonistin bleibt. Aber innerlich richtet sie sich ein zweites Leben ein, das im Konjunktiv existiert: Ich verlasse dich. Sie pflegt diesen Satz wie eine Pflanze auf der Fensterbank. Er kommt nie zum Einsatz — und gerade dadurch behält sie das Gefühl, handlungsfähig zu sein. Bleiben wird möglich, weil das gedachte Gehen als Fluchtweg offensteht.

Duras‘ Mädchen geht. Aber sie bleibt gebunden — an einen Mann, an eine Geschichte, an ein Zimmer, das sie in sich trägt. Sie wohnt ihr Leben lang in einem Zwischenraum: nicht mehr dort, nie ganz hier. Das tatsächliche Gehen verwandelt sich in ein lebenslanges inneres Wiederkehren.

Beide Frauen haben eine Beobachterin in sich. Eine, die am Rand des eigenen Lebens sitzt, Notizen macht und die Handlung kommentiert. Vielleicht ist das die dritte Option: Weder konsequent bleiben noch endgültig gehen — sondern schreiben.


Wer bin ich, wenn ich aufhöre zu fliehen?

Vielleicht lautet die eigentliche Frage gar nicht: Soll ich bleiben oder gehen? Vielleicht lautet sie: Wer bin ich, wenn ich aufhöre, mir selbst eine Fluchtgeschichte zu erzählen?

Wenn ich bleibe, ohne innerlich schon eine gepackte Tasche im Flur zu haben. Wenn ich gehe, ohne mich als Heldin meiner eigenen Befreiungsgeschichte zu inszenieren. Wenn ich anerkenne, dass beides — Bleiben und Gehen — mich weniger rettet, als ich mir wünsche, und mich mehr formt, als mir lieb ist.

Das ist das Wesen jeder Weggabelung: Man entscheidet sich für eine Möglichkeit — ob gut oder schlecht, zeigt sich erst später, manchmal nie. Der andere Weg verschwindet ins Ungewisse. Aber er verschwindet nicht ganz. Er lebt weiter — in Träumen, in Tagträumen, in dem stillen Paralleluniversum, das wir in uns tragen. Eine ungelebte Version von uns selbst, die wir weder bestätigen noch widerlegen können.

Die Frage ist nicht: Habe ich richtig entschieden? Die Frage ist: Bin ich mit dieser Version von mir im Reinen — oder trauere ich etwas nach, das ich nie wirklich kannte?

Vielleicht berauben wir uns manchmal zu früh, zu schnell dieser Möglichkeit. Bevor wir wirklich herausgefunden haben, wer wir in dieser anderen Version hätten werden können. Bevor der Weg überhaupt eine Chance hatte, sich zu zeigen.

Schochs Protagonistin hat diese Chance genutzt. Sie ist geblieben — nicht aus Angst, nicht aus Gewohnheit, sondern lange genug, um sich selbst in dieser Version zu finden. Das ist vielleicht die stillste Form von Mut, die es gibt.

Ich lerne das gerade. Das Bleiben. Nicht als Kapitulation — sondern als Übung. Als etwas, das man sich erarbeiten kann, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Eine Entscheidung, die man jeden Tag neu treffen kann.

Und vielleicht ist das genug: weiterzulesen, weiterzuschreiben, weiterzufragen. Im Lesen begegne ich Versionen von mir, die ich nie gelebt habe — und erkenne mich trotzdem darin. Im Schreiben halte ich die Fragen aus, ohne sie sofort aufzulösen. Und manchmal, ganz selten, gelingt es mir, lange genug dazubleiben — nicht in einer Beziehung, nicht an einem Ort, sondern in mir selbst. In einer Geschichte, die ich mir nicht nur von mir erzähle — sondern auch über mich.

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