Charles Bukowski

Eine literarische Betrachtung zu Charles Bukowskis Liebe

Es gibt Bücher, die man nicht liest – man trinkt sie. Und dann gibt es Charles Bukowski. Man trinkt ihn nicht, man kippt ihn wie billigen Whiskey runter, der brennt und brennt und trotzdem wärmt. Liebe ist so ein Buch. Eine Sammlung von Gedichten, Textsplittern, Lebensgerüchen, die nach Schweiß, Sperma, Verachtung und einem Rest Hoffnung riechen.

Bukowski, der sich selbst »alter Süffel« nannte, war ein verdammter Vielschreiber. Unzählige seiner Texte verstaubten in Underground-Zeitschriften, Manuskriptschubladen und Bierlachen. Dass ausgerechnet ein posthumer Band mit dem schlichten Titel Liebe erscheint, mag wie ein schlechter Witz wirken. Und doch singt zwischen diesen Seiten – krächzend, abgerissen und manchmal fast zärtlich – der kleine blaue Vogel, von dem er selbst so oft schrieb.

Die Gedichte, sorgfältig ausgewählt von Abel Debritto, sind keine romantischen Bekenntnisse. Sie sind Lebenssplitter, Liebesreste, Gesprächsfetzen aus billigen Motels und verrauchten Küchen. Frauen erscheinen darin als alles – Mysterium, Trost, Körper, Angriff, Leere. Mal flüchtige Bettwärme, mal Sehnsucht in Menschengestalt. Ob Ehefrau, Tochter oder One-Night-Stand – Bukowski begegnet ihnen mit einer Mischung aus Begehren und Angst, Nähe und Abwehr.

Seine Liebe ist keine Erlösung, sie ist Verdammung. Sie ist auch keine Konstruktion, sondern ein Zustand – roh, widersprüchlich, oft hässlich. Da ist Verletzlichkeit, die sich hinter Zynismus versteckt. Da ist Frustration, wenn Erwartungen platzen. Da ist diese ewige Sehnsucht, die keine Ruhe kennt. Und da ist immer wieder Einsamkeit, schleichend und bitter, wie eine Erinnerung, die man nicht loswird.

Ja, Bukowski war oft frauenverachtend. Ja, er hat sich in seinem Mythos eingerichtet – »Dirty Old Man« auf Lebenszeit. Und doch: Er war echt. Seine stilistische Direktheit ist kein Kalkül, sondern Ausdruck eines Mannes, der zu viel gefühlt hat, um noch schön darüber zu schreiben.

Die Kritik an der Übersetzung von Jan Schönherr ist berechtigt – sie kratzt manchmal nur an der Oberfläche dessen, was in Bukowskis Original brodelt. Carl Weissner brachte einst mehr von dieser fiebrigen Energie ins Deutsche. Und dennoch: Die Worte tragen. Sie tragen Schmerz, Ironie, Sex, Sehnsucht. Und manchmal sogar Liebe.

»Liebe ist eine Art Vorurteil«, schreibt Bukowski. Man könnte sagen: Liebe ist sein Versuch, dieses Vorurteil zu widerlegen. Oder wenigstens zu umarmen, bevor es einen verlässt.

Fazit:
Für alle, die Liebe nicht in Rosarot, sondern in Ruß und Rauch erleben. Für alle, die zwischen Sehnsucht und Abwehr leben. Für alle, die lesen wollen, wie es sich anfühlt, wenn ein Mann mit der Schreibmaschine gegen das Vergessen anschreibt – und sich dabei selbst vergisst. Liebe ist Bukowski pur: unbequem, ungeschönt, und genau deshalb so menschlich.

Titel: Liebe
Autor: Charles Bukowski
Herausgeber: Abel Debritto
Übersetzung: Jan Schönherr
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 06.06.2019
ISBN (Print): 978-3-462-05133-9
ISBN (E-Book): 9783462319057