der schmale Grat zwischen Nähe und Erkenntnis
Es gibt Bücher, die man liest, um in eine andere Welt zu fliehen. Und es gibt Bücher wie dieses: Wie wir jetzt leben – ein schmales, leises Werk von Susan Sontag, das einen nicht entkommen lässt, sondern mitten ins Leben zurückholt. Unaufgeregt, eindringlich, luzide.
Fünf Erzählungen – geschrieben über Jahrzehnte hinweg, erstmals gesammelt auf Deutsch. Und doch wirken sie wie aus einem Guss. Oder besser: wie aus einem Körper. Denn so schreibt Sontag. Nicht vom Kopf her, sondern mit einer Genauigkeit, die nur möglich ist, wenn man sich selbst zur Membran macht. Für Krankheit, für Sprache, für Erinnerung.
Eine Erzählung, ein Echo
Bereits der erste Satz der titelgebenden Erzählung ist eine Zumutung im besten Sinne. Wie in einem kammermusikalischen Stück schieben sich Stimmen übereinander, unterbrechen sich, kreisen um einen unsichtbaren Mittelpunkt: den Freund, der krank ist. Sontag nennt die Krankheit nicht. Sie muss es nicht. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, erkennt: Es ist AIDS. Und doch schwingen in diesen fragmentierten Sätzen andere Viren mit – nicht zuletzt das Schweigen, die Angst, die Scham. Auch ein Leser im Post-Corona-Zeitalter wird sich unwillkürlich wiederfinden. Und begreifen: Große Literatur überdauert ihre Zeit, weil sie nicht fixiert, sondern befragt.
Nähe ohne Sentimentalität
Sontag war nie eine Autorin des Rückzugs in die eigene Innerlichkeit. Und doch ist dieses Buch vielleicht ihr persönlichstes. Besonders in der Erzählung über ihren Besuch bei Thomas Mann im kalifornischen Exil zeigt sich eine verletzliche, junge Sontag – verliebt in den Zauberberg, überfordert vom eigenen Ernst, und gleichzeitig hellwach. Es ist eine feine Ironie, mit der sie auf ihr jugendliches Ich blickt. Kein Zynismus, keine Pose – sondern ein leises Lächeln über die Sehnsucht, die bleibt.
Bilder, Realität – und alles dazwischen
Wie ein roter Faden zieht sich Sontags lebenslanges Nachdenken über das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit durch diese Texte. Besonders eindrucksvoll: die Geschichte über einen Nachkommen Noahs und einen Vogel – fast fabelhaft in ihrer Konstruktion, und doch tief verwurzelt im modernen Zweifel. Was sehen wir wirklich? Was zeigt uns ein Bild, und was verschweigt es? Und wer bestimmt die Perspektive?
Eine Einladung, nicht ein Urteil
Sontags Prosa ist keine Bühne für große Gesten. Sie schreibt mit dem Atem einer Denkerin, aber dem Taktgefühl einer Liebenden. Sie belehrt nicht, sie berührt. Wer ihre Essays kennt, wird hier eine andere Stimme entdecken: verhaltener, narrativer, aber nicht weniger präzise. Ihre literarische Sinnlichkeit liegt nicht in Ausschweifung, sondern in Verdichtung. Wie bei einem sehr guten Parfum – die Wirkung liegt in der Konzentration.
Nachwort mit Tiefenschärfe
Acht Seiten Nachwort von Verena Lueken runden das Buch ab – ein Glücksfall für alle, die verstehen wollen, wo diese Texte in Sontags Gesamtwerk stehen. Vielleicht hätte es zu Beginn des Bandes platziert sein sollen, aber vielleicht ist es gerade gut, dass man es erst später liest. Wie ein Echo, das das Gelesene vertieft, nicht erklärt.
Fazit:
Wie wir jetzt leben ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die Tiefe nicht mit Schwere verwechseln. Es ist leise, aber nicht still. Persönlich, aber nicht privat. Schmerzhaft ehrlich und zugleich tröstlich klug. Sontag schreibt aus einer Haltung heraus, die in ihrer intellektuellen Aufrichtigkeit erotisch wirkt – weil sie uns zeigt, was Literatur im besten Fall sein kann: ein aufmerksames Mitsein im Unfassbaren.
Ein Buch wie eine Berührung, die bleibt, lange nachdem die Seiten zugeklappt sind.

Titel: Wie wir jetzt leben
Autorin: Susan Sontag
Übersetzerin: Kathrin Razum
Verlag: Fischer Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 29.11.2023
ISBN (Print): 978-3-596-70867-3
ISBN (E-Book): 978-3-10-491317-5
Seitenzahl: 128
Preis (Print): 13,00 €
Preis (E-Book): ca. 12,99 €