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Mutter als Ursprung. Mutter als Leerstelle.

Colette, Sylvie Schenk und eine Mütterlinie dazwischen
Erotische Literatur handelt vom Körper. Aber der Körper kommt von irgendwo. Von einer Linie, die ihn geformt hat — oder gebrochen. Colette hat das gewusst. Sido, ihre Mutter, hat ihr das Sehen beigebracht. Ohne Sido kein Chéri, keine Claudine, kein Blick, der sich traut, hinzuschauen.

Hier ist sozusagen mein Muttertags-Special

Als ich begann, mich anlässlich des siebzigsten Geburtstags meiner Mutter erneut mit meiner Mütterlinie zu beschäftigen, hatte ich längst verstanden, dass Herkunft nichts Stabiles ist. Eher ein Text, der immer wieder umgeschrieben wurde – von den Frauen vor mir, von den Lücken in ihren Biografien und von dem, was nicht erzählt werden durfte. Dann las ich Colette und Sylvie Schenk direkt hintereinander: Sido und Maman. Und plötzlich standen zwei Figuren vor mir, die kaum unterschiedlicher sein könnten – die Mutter als Ursprung und die Mutter als Leerstelle. Dazwischen suchte ich meinen eigenen Platz.


Die Mutter als Ursprung: Colette und Sido

In Colettes Sido ist die Mutter der Anfang von allem. Sie ist nicht nur die Frau, die ein Kind geboren hat, sondern diejenige, die ihr Kind lehrt, zu sehen. Sido steht früh auf, bewegt sich durch den Garten, kennt die Pflanzen beim Namen, hört die kleinsten Geräusche:

„Meine Mutter bekam wieder ihr ruhiges, ihr glanzvolles Gartengesicht, das so viel schöner war als ihr sorgenvolles Hausgesicht.“ (S. 20)

Sie ist Ursprung von Wahrnehmung, Ursprung von Geschmack: für Schönheit, für Eigenwilligkeit, für Freiheit. Eine Mutter, die es für selbstverständlich hält, ihre Tochter in die Welt zu schicken – „meine Mutter hielt es für natürlich, ja sogar für unumgänglich, Wunder in die Welt zu setzen“ (S. 72) – und der Colette noch Jahrzehnte später folgt:

„Ich ahme sie immer noch nach.“ (S. 30)

Diese Mutterfigur ist zugleich konkret und überhöht. Sie ist eine reale Frau mit Macken, aber im Text wird sie zur Achse, um die sich die Kindheitswelt dreht. Eine Mutter, die nicht verschwindet, sondern so präsent ist, dass sie später in Sätzen weiterlebt. Die Mutter als Ursprung bedeutet: Es gibt eine Quelle, an die man immer wieder anschreiben kann.

Für jemanden wie mich, die auf eine Mütterlinie mit Brüchen und Schweigen schaut, ist diese Konstellation zugleich verlockend und fremd. Ich kenne das Gefühl, von einer Mutter zu kommen, aber nicht das Gefühl, aus ihr hervorzuwachsen. Colette zeigt ein Modell, in dem die Mutter nicht Fragezeichen ist, sondern Ausrufezeichen. Vielleicht hat mich Sido gerade deshalb so fasziniert: weil sie etwas verkörpert, das mir in meiner eigenen Linie eher als Sehnsuchtsfigur begegnet.


Die Mutter als Leerstelle: Sylvie Schenks Maman

Ganz anders klingt es bei Sylvie Schenk. Einer der ersten Sätze ist eine Absichtserklärung:

„Maman hat uns in die Welt gesetzt und wild wachsen lassen wie Unkraut.“ (S. 11)

In Maman ist die Mutter eine Frau ohne Herkunft: als Kind adoptiert, aufgewachsen in Armut, gezeichnet von Scham, Härte, Unausgesprochenem. Ihre Biografie ist voller Lücken. Was genau passiert ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren – zu viele Akten fehlen, zu viele Gespräche haben nie stattgefunden. Die Tochter, die erzählt, tastet sich an diese Mutter heran, indem sie aufschreibt, was sie weiß, was sie ahnt, woran andere sich erinnern und was sich nur vermuten lässt. Die Verflechtung ist eng – und schmerzhaft:

„Mamans Leben und mein Leben sind miteinander verflochten wie zwei unterschiedlich gefärbte Wollfäden im schlecht gestrickten Pullover.“ (S. 44)

Ein Satz, der für mich alles verwebt. Hier ist die Mutter kein Ursprung im Colette’schen Sinn, sondern ein Raum, der nicht zu fassen ist. Mutter als Leerstelle bedeutet nicht, dass nichts da wäre – im Gegenteil. Es gibt Gefühle, Spannungen, Groll, Sehnsucht. Aber es fehlt der stabile Punkt, an dem sich all das festmachen lässt. Schenk schreibt das mit einer Lakonie, die wehtut:

„… Furunkel und Abszesse werden bei Geburtstagen geöffnet.“ (S. 130)

Diese Erfahrung ist mir sehr viel näher. Meine Mutter hat zehn Jahre lang keinen Kontakt zu ihrer Mutter gehabt. Später habe ich die beiden wieder zusammengebracht, kurz vor dem Tod meiner Oma. Danach habe ich selbst für zwei Jahre den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Annäherungen passieren auf Glasscherben. Drei Generationen, drei Brüche – und sehr viele Geschichten, die nur noch aus zweiter oder dritter Hand zu mir gekommen sind. Es gibt in meiner Mütterlinie keine Sido, die im Garten steht und sagt: „Sieh hin.“ Ich musste selbst lernen, das Leben einzuatmen.

Und noch etwas liegt bei mir – buchstäblich: die handschriftlichen Aufzeichnungen meiner Oma, in einer Schachtel. Schenks Satz über die Handschrift ihrer Mutter klingt nach, wenn ich daran denke: „Ihre Schrift: schräg nach hinten, jeder Buchstabe fällt auf den Rücken.“ (S. 115) Ich habe die Schachtel noch nicht geöffnet. Nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht. Meine persönliche Büchse der Pandora. Ich warte auf den richtigen Moment.

Wenn ich Schenk lese, erkenne ich diese Dynamik wieder: das Schreiben als Versuch, ein Archiv zu bauen, das es nie gab.

„Schreiben. Maman aus dem Nichts retten.“ (S. 166)


Zwischen Ursprung und Leerstelle

Und ich? Ich sitze irgendwo zwischen Sido und Maman. Meine Mutter ist für mich weder reiner Ursprung noch nur Abwesenheit. Sie ist eine Figur, die sich im Laufe der Jahre verschoben hat: mal zu nah, mal zu weit weg, mal in der Rolle derjenigen, die bricht, mal in der Rolle derjenigen, zu der ich breche. Das macht meine Mütterlinie schwer auszuerzählen – und trotzdem denke und schreibe ich seit Jahren um sie herum.

Mutter als Ursprung, Mutter als Leerstelle – und dazwischen die Versuche der Töchter, sich selbst einen Ort zu bauen. Manchmal ist es ein Garten. Manchmal eine unvollständige Familiengeschichte. Manchmal eine Schachtel, die noch auf den richtigen Moment wartet.

Und die Vorahnungen bleiben. „Vorahnungen, durch ihren Tod verblasst, geistern noch heute um mich herum.“ (Sido, S. 23)

Siehe Buchbesprechung auf Buch & Schöpfer

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